Einführungsrede von Dr. Ernst Wagner zu den Gedichten von

 Johanna Peltner-Rambeck

Discorso d’introduzione di Dr. Ernst Wagner alle poesie di

Johanna Peltner-Rambeck

Eine Dichterin mit den Augen einer Malerin

(Link zum Gedicht „Dämmerung”) 

Es ist mir eine große Ehre, einführende Worte zu Johanna geben zu dürfen. 

Eine Warnung voraus. Der Teufel hat mich geritten, wie ich diese kleine Rede vorbereitet habe. Ich habe nicht nur versucht, etwas zur Lyrik von Johanna aufzuschreiben, ich habe beim Schreiben plötzlich auch versucht, diese ganze Woche in Poggio mit dem Werk von Johanna in eine logische Verbindung zu bringen. Das geht nur, wenn ich ziemlich abstrakt und theoretisch argumentiere. Ich hoffe, Sie sind dazu bereit. Ich hoffe, Sie können sich auf diese Gedanken einlassen und konzentriert zuhören. 

Ich beginne mit einer ziemlich bösen, ja fast destruktiven Frage, die ich zu Beginn einer Lesung von Gedichten eigentlich nicht stellen darf: Kann man Gedichten überhaupt zuhören? Und dazu noch in einer Gruppe? Ich denke, es gibt berechtigte Zweifel daran. Ein Gedicht muss man lesen – und zwar alleine. Zu sehr verrauscht ein Gedicht im Klang des gesprochenen Wortes. Ich habe deshalb einen Vorschlag: Ich will dieses Gedicht im ersten Teil meiner Rede genauer anschauen. Ich will also den Prozess des Hörens verlangsamen, so wie wenn wir den Text lesen würden. Im zweiten Teil werde ich dann sagen, warum ich dieses Gedicht ausgewählt habe.

I.

Das Gedicht „Dämmerung“ geht mit einer alltäglichen Beobachtung los. Es ist nicht mal eine Beobachtung. Es ist eigentlich nur eine ziemlich banale Feststellung. „Der Tag war heiß.“ Das sagt man auf der Piazza, bei einer beliebigen Begegnung. Das ist Small Talk. „Der Tag war heiß.“ Und damit geht das Gedicht los, mit Small Talk.

Doch schon mit der zweiten Zeile ändert sich die Tonlage: „Und aus den Rosen leuchtet noch die Sonne“. Bereits hier, in der zweiten Zeile, eine erste Transformation. Das ist keine banale Feststellung mehr. Small Talk verbietet eine solche Aussage, weil aus Rosen heraus keine Sonne leuchtet. Man könnte vielleicht sagen: „Sonne scheint auf Rosen.“ Aber aus Rosen heraus leuchtet keine Sonne. Soweit der Alltag, auf der Piazza.

Aber: Wir kennen doch alle das Leuchten von Rosen, gerade in der Dämmerung! Auch wenn wir es uns nicht erklären können. Warum können Rosen in der Dämmerung leuchten?

Ein Wort ist bei diesem Satz noch wichtig, das Wort „noch“. „Und aus den Rosen leuchtet noch die Sonne“. Die Vergangenheit des heißen Tages wird mit diesem „noch“ sanft in die Gegenwart eines milden Leuchtens überführt. Eine andere Sonne, die „noch“ aus den Rosen leuchtet. 

Denn, so sagt die nächste Zeile, sie hat den Platz schon verlassen. Wörtlich: „die Sonne, die schon den Platz verlassen hat“. Die Sonne ist gegangen. Sie ist weg. Und wieder ändert sich damit die Tonlage. Hier tritt die Sonne als handelndes Subjekt auf. Sie wird personifiziert. Die Sonne verlässt den Platz, sie verschwindet. Die Sonne geht ab, wie ein Schauspieler von der Bühne. Sie hat uns aber etwas hinterlassen: das Leuchten der Rosen. 

Dieser Abgang ist genauso, wie wenn der Small Talk die Piazza verlässt. Es wird langsam ruhig, leise. Und das Leuchten der Rosen füllt den Raum, das Leuchten der Rosen übernimmt die Regie. So weit, so gut.

Doch nun etwas ganz Neues, etwas ganz Anderes. Am Ende des nächsten Satzes reißt das Gedicht jäh auf: „Es ist die Zeit, in der die dunkle Süße des Jasmins verwundet“. Zu Beginn dieses Satzes können wir noch in der Stimmung schwelgen, die uns allen vertraut ist: Die Dämmerung am Ende eines heißen Tags, die Rosen leuchten, die Sonne ist gegangen, der Jasmin verschwendet seinen süßen Duft. Doch im letzten Wort reißt Schmerz das Gedicht jäh auf: Eine Süße, die verwundet. Ein Leuchten, das verwundet. Eine Schönheit, die verwundet. 

Wir hätten gewarnt sein können, durch das kleine Wort „dunkel“. „Es ist die Zeit, in der die dunkle Süße des Jasmins verwundet“. Dennoch, das trifft uns unvorbereitet. Darauf waren wir nicht gefasst, es fällt uns an. 

Aber der Satz ist noch nicht zu Ende, das Gedicht ist noch nicht zu Ende. Satz und Gedicht schließen mit den Worten: „es ist die Zeit, in der Du wiederkommst“. Aus dem Schmerz, aus der Wunde heraus zeigt sich plötzlich die Autorin. Nun spricht sie selbst. Wir wissen nicht, wen das Du meint. Wir wissen nicht, ob das Wiederkommen ersehnt oder gefürchtet ist. Entscheidend ist, dass in der Dämmerung, im Leuchten der Rosen, in der Süße des Jasmin das Du schon da ist, als Wunde.

Und wir als Leser, wir als Hörer füllen dieses Du mit unseren eigenen Gedanken, unseren eigenen Erinnerungen, unserem eigenen Schmerz.

II.

Ich komme zum zweiten Teil, warum ich dieses Gedicht ausgewählt habe. Der erste Grund ist wieder banal. Es ist das kürzeste Gedicht im Buch und eignet sich deshalb am besten für ein verlangsamtes Hören. Doch es gibt einen zweiten Grund, der mir erst beim Niederschreiben dieser Rede deutlich wurde.

Dieses jähe Aufreißen einer anderen Welt, dieses plötzliche Öffnen einer anderen Dimension finden wir nicht nur in Johannas Gedicht. Wir finden es in dieser Woche in ganz vielen Kunstwerken, hier in Poggio. Es wirkt fast so, als ob sich die Künstler abgesprochen hätten:  

Schrift im Widerspruch zum Straßenpflaster (von Ruben fun Hunter), die antike Antigone gegen die aktuelle Kommunalverwaltung (von Silvano Sbarbati und Patrizia Coduti), Spiegel im barocken Santuario (von Johannes Veit), in der Casa Parocchiale: Spuren im Stein (von Antonella Pieretti) oder Fotos im Foto (von Silvano Sbarbati), die Transformation von Plastik-Abfällen in leichte Luft-Spiele (von Benedikt Stumpf), immer wieder neu aufbrechende Welten im Film „EnZyklop“ (von Ulrike Kaiser), Fenster in Schwarz-Weiß-Linolschnitten in der Krypta (von Florentine Kotter) oder die Blaue Grotte, die den alten Torturm öffnet (von Zoltan Barabas). 

Was verbindet diese so ganz verschiedenen Arbeiten? In allen Arbeiten gibt es ein Zusammenspiel von Rahmen und Öffnung, von Innen und Außen, von Kontext und Content. Es sind (mit wenigen Ausnahmen, wie von Franziska Schmid-Burgk) keine autonomen Werke, die ihre Logik nur aus sich selbst ziehen. Diese autonome Kunst kennen wir von Raffael oder von Picasso. Die Werke hier sind anders. Sie leben aus dem Widerspruch, aus dem Aufreißen einer neuen Dimension. Sie kommunizieren in kontrastvoller Spannung.

Ich stelle mir vor, wie ich in Poggio durch die engen, schattigen, fast beklemmenden Gassen gehe und jäh öffnet sich der Ausblick auf die weite, sonnendurchglühte, endlose Landschaft. Diese Plötzlichkeit, dieser Widerspruch, dieser Kontrast. 

Das wichtigste dabei ist: Beide brauchen sich. Wir würden die Enge Poggios nicht überleben, wenn wir nicht die Weite der Landschaft hätten. Und wir würden die unerbittliche Weite der Landschaft nicht überleben, wenn wir nicht die dunkle, enge Geborgenheit des Stadtraums nicht hätten. 

Die Enge braucht die Weite, der Rahmen braucht die Öffnung, der Spiegel das Gemalte, das „Uh“ das „Insieme“, oder – um auf Johannas Gedicht zurückzukommen – die Süße des Jasmins braucht den Schmerz der Wunde. 

Doch warum haben wir den Schmerz und das Süße gleichzeitig? Wir haben es, um die Sehnsucht des Ich nach dem Du zu wecken. Davon handeln diese „Sette giorni d’arte“ hier in Poggio. Davon handeln viele Werke hier. Das ist die „Grammatik“ dieser Woche: die schmerzliche Sehnsucht des Ich nach dem Du. Und das in einer Zeit, wo in der Politik das Ich, das Ego, die Identität dominiert. Make America great again, make Italy great again, make Britain great again, make Germany great again. Make ME great again.

Ich danke Johanna, dass sie es uns ermöglicht hat, die zarte Stimme der Kunst dagegen zu erheben.

Johanna, eine Dichterin – mit den Augen einer Malerin – und mit dem Herz einer Künstlerin.

Una poetessa con gli occhi da pittrice

(Link per la poesia „Crepuscolo” )

È un grande onore per me poter introdurre il lavoro di Giovanna.

Ma prima voglio darvi un avvertimento. E’ stato molto rischioso per me scrivere questo discorso. Perchè non solo ho provato a scrivere qualcosa sulla poesia di Johanna, ma ho voluto anche stabilire una connessione logica tra Johanna e il lavoro di questa settimana a Poggio.

Comincio con una domanda piuttosto cattiva, quasi deleteria, che in realtà non si dovrebbe porre all’inizio di una lettura di poesie: e cioè è possibile ascoltare poesie? E insieme ad altre persone addirittura?  Credo che a questo proposito sussistano dubbi legittimi. Le poesie vanno lette da soli. La poesia svanisce nel suono delle parole. Ho quindi un suggerimento: voglio soffermarmi più a lungo su questa poesia nella prima parte del mio intervento. Vorrei rallentarne l’ ascolto come se la stessimo leggendo. Nella seconda parte vi dirò perché ho scelto proprio questa poesia.

I.

La poesia “Crepuscolo” inizia con un’osservazione quotidiana. Non è nemmeno una vera e propria osservazione. In realta’ e’ solo una constatazione piuttosto banale. “La giornata è stata calda.” E’ una cosa che si dice in piazza incontrando qualcuno. E’ una chiacchierata. “La giornata era calda.” Ed è così che inizia la poesia, con una chiacchierata.

Ma già alla seconda riga cambia il tono: “dalle rose risplende ancora la luce del sole”. Ecco che ha inizio una prima trasformazione. Non si tratta più di una banale constatazione. In una chiacchierata non c’e spazio per un’affermazione del genere, perche’ il sole non splende dalle rose. Si potrebbe forse dire: “Il sole splende sulle rose”. Ma nessun sole splende dalle rose.

Ma: tutti conosciamo il bagliore delle rose, specialmente al tramonto! Anche se non possiamo spiegarcelo. Perché le rose possono brillare al tramonto?

C’e’ una parola importante in questa frase, la parola “ancora”. “E dalle rose il sole splende ancora”. La calda giornata appena trascorsa con questo ancora viene dolcemente accompagnata nel presente di un bagliore più mite. Un altro sole che “ancora” risplende dalle rose.

Infatti, come indica la riga successiva, il sole è già andato via. Letteralmente: “il sole che ha già abbandonato il suo posto”. Il sole se ne è andato. E’ sparito. E di nuovo cambia il tono. Qui il sole appare come soggetto che agisce. E’ personificato. Il sole lascia il suo posto, scompare. Il sole esce di scena come un attore. Ma ci ha lasciato qualcosa: il bagliore delle rose.

Questa uscita di scena assomiglia proprio a quando il chiacchiericcio lascia la piazza. Lentamente torna il silenzio. E il bagliore delle rose riempie la stanza, il bagliore delle rose assume la regia. E fin qui tutto bene.

Ma ora accade qualcosa di completamente nuovo, qualcosa di completamente diverso. Alla fine della frase successiva, la poesia apre bruscamente: “questa è l’ora in cui l’oscura dolcezza del gelsomino ferisce”. All’inizio di questa frase possiamo ancora indulgere nell’atmosfera che tutti conosciamo: il crepuscolo alla fine di una giornata calda, le rose che brillano, il sole che tramonta, il gelsomino che spande il suo dolce profumo.

Ma alla fine  il dolore irrompe bruscamente nella poesia: Una dolcezza che ferisce. Un bagliore che ferisce. Una bellezza che ferisce.

Avremmo potuto capirlo dalla parola “buio”. “E’ l’ora  in cui l’oscura dolcezza del gelsomino ferisce”. Ma invece veniamo colti impreparati. Non ce lo aspettavamo, ci coglie di sorpresa.

Ma la frase non è ancora finita, la poesia non è ancora finita. La frase e la poesia si chiudono con le parole: “è l’ora in cui ritorni”. Attraverso il dolore, attraverso la ferita, l’autrice all’improvviso si svela. Ora è lei a parlare. Non sappiamo di chi parli. Non sappiamo se il ritorno sia desiderato o temuto. Ciò che è chiaro è che nel crepuscolo, nel bagliore delle rose, nella dolcezza del gelsomino è già presente qualcuno, che è una ferita.

E noi come lettori, noi come ascoltatori, vediamo questo qualcuno attraverso i nostri pensieri, i nostri ricordi, il nostro dolore.

II.

Sono giunto alla seconda parte del mio intervento, perché ho scelto questa poesia. La prima ragione è molto banale. E’ la poesia più breve del libro, quindi si presta meglio ad un ascolto lento. Ma c’è un secondo motivo, che mi è diventato chiaro solo quando ho scritto questo discorso.

Questa improvvisa apertura vero un altro mondo, questa improvvisa apertura verso un’altra dimensione non si trova solo nella poesia di Johanna. Ma durante questa settimana l’abbiamo potuta riscontrare in molte opere d’arte, qui a Poggio. Sembra quasi che gli artisti si fossero messi d’accordo:

Scrittura sulla strada (di Ruben fun Hunter), l’antica Antigone davanti al palazzo comunale (di Silvano Sbarbati e Patrizia Coduti), gli specchi nel santuario barocco (di Johannes Veit), e poi nella Casa Parrocchiale: Tracce nella pietra (di Antonella Pieretti) o fotografie delle fotografie (di Silvano Sbarbati), trasformazione dei rifiuti di plastica in giochi d’aria leggera (di Benedikt Stumpf), mondi sempre nuovi nel film “EnZyklop” (di Ulrike Kaiser), finestre in bianco e nero in linoleografia nella cripta (di Florentine Kotter) o la Grotta Azzurra che apre la vecchia porta della città (di Zoltan Barabas).

Cosa hanno in comune queste opere molto diverse tra loro? In tutte le opere c’è un interazione tra struttura e apertura, tra interno ed esterno, tra contesto e contenuto. Tranne per poche eccezioni, come le ceramiche di Franziska Schmid-Burgk, non si tratta di opere autonome che traggono la propria logica esclusivamente da se stesse. Conosciamo questa autonomia nell’arte di Raffaello o Picasso. Le opere di cui parliamo qui sono diverse. Vivono della contraddizione, dell’apertura verso una nuova dimensione. Comunicano tra loro con una tensione ricca di contrasti.

E’ come camminare a Poggio attraverso i vicoli stretti, ombrosi, quasi oppressivi e all’improvviso la vista si apre all’ampio paesaggio, illuminato dal sole e senza fine. E’ la stessa apertura improvvisa, la stessa contraddizione, lo stesso contrasto.

La cosa più importante è che entrambi i poli hanno bisogno l’uno dell’altro. Non sopravviveremmo alla angustia di Poggio se non avessimo la vastità del paesaggio. E non sopravviveremmo all’implacabile vastità del paesaggio se non avessimo l’oscura e ristretta sicurezza dello spazio urbano.

L’angustia ha bisogno della larghezza, la cornice ha bisogno dell’apertura, lo specchio ha bisogno del dipinto, la parola “Uh” ha bisogno della parola “Insieme”, oppure – per tornare alla poesia di Johanna – la dolcezza del gelsomino ha bisogno del dolore della ferita.

Ma perché abbiamo il dolore e la dolcezza allo stesso tempo? Li abbiamo per risvegliare il desiderio del tu da parte dell’io. E’ di questo che si occupa questo festival “Sette giorni d’arte” qui a Poggio. Questo è l’oggetto di molte delle opere qui presenti. Questa è la “grammatica” di questa settimana: il doloroso desiderio del tu da parte dell’io. E questo in un momento in cui in politica domina l’ego è dominante rispetto all’identità. Make America great again, make Italy great again, make Britain great again, make Germany great again. Make ME great again. Rendiamo di nuovo grande il nostro ego.

Ringrazio Johanna per averci dato la possibilità di alzare la tenera voce dell’arte contro tutto ciò.

Johanna, una poetessa – con gli occhi da pittrice – e con il cuore di un’artista.