Massimo Bellucci über Jonathan Soverchias Film „Poco prima del caffè”, 

erschienen in vivere senigallia 

 

Allegorien der Zeit, Metaphern eingehüllt in altmodische Tapeten. Wir denken an die Zeit und stellen sie uns als eine Linie vor, die eine Richtung aufweist, von der Vergangenheit in die Zukunft. Und wir in der Mitte, manchmal aus beiden Richtungen geschlagen. Aber in der Intimität unseres Lebens ist die Zeit eine viel artikuliertere, oft sehr komplizierte Linie. Ein harmlos aussehender Mann, eine Frau von unentschlüsselbarer Schönheit, eine Verabredung, die die Zeit in einen Traum verwandelt, in das Rätsel eines Orakels. 

 

Es ist der Moment des Erwachens, in dem die Realität unfühlbar ist, Träume real erscheinen und die Wirklichkeit unglaublich erscheint. Ein dünner Spalt öffnet sich, wie die Zeiger einer Wanduhr. Eine dünne Linie, von der die Zeit davonläuft und sich in ihrem illusorischen Wesen manifestiert. Wir sind es nicht mehr gewohnt, die Zeit in einem Umfang mit zwölf Zeichen zu sehen. Die Zeit ist eine Zahl auf dem Display des Mobiltelefons oder der Piepton einer Erinnerung oder eine kleine Zahl unten rechts auf dem hellen Computerbildschirm. Viele Theorien, die zyklische Zeit der Alten, die ewige Wiederkehr, die geschichtlichen Verläufe und Regungen von Vico, die Ausdehnung der Seele bei Augustinus. Doch die Zeit läuft auf diese Weise Gefahr, ein nicht zu entzifferndes und potenziell beunruhigendes Rätsel zu sein. Man muss also den Mut haben, darüber Witze zu machen, denn nur Menschen, die mit der großen Gabe der Leichtigkeit ausgestattet sind, wissen, wie das geht. 

 

Man muss den Mut haben, die Zeit mit einem Lächeln herauszufordern und die Hände an die Stelle eines Schnurrbarts zu setzen, wie es Kinder mit einem Bleistift tun, wenn sie keine Lust haben, ihre Hausaufgaben zu machen. Dann kann die Zeit zum Komplizen werden. Und vielleicht kann dieser tiefe und alchemistische Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können und die gleiche Situation noch einmal zu durchleben, in Erfüllung gehen, mit dem subtilen Vergnügen, zu denken, dass wir nicht Sklaven der vergehenden und nicht zurückkehrenden Zeit sind, die Kerze kann wachsen, anstatt zu verbrennen. Wir können zurückkehren, um unsere kleinen Freuden zu genießen, wie eine Flasche Wein, die sich leert und wieder füllt. Als ob wir nicht so viel von dieser Zeit sinnlos vertan hätten, Zeit, die nicht zurückkehrt. Oder wer weiß, vielleicht kommt sie als Mann mit einem Hut und einem Schnurrbart in Form von Händen oder als charmante Frau zwischen Traum und Wirklichkeit verkleidet zurück. 

 

So viele Hinweise und so viele Symbole in einem einfachen und schönen Kurzfilm, der die Meisterschaft des jungen Regisseurs Soverchia aus Castelplanio (An) beweist. Er ist in der Lage, eine Geschichte zu bauen, die den Regeln der zeitlichen Abfolge der Erzählung heraufordert.  

 

Schauspieler Jacopo Mancini (Jesi) und Alessia Raccichini (Ancona) 

Musik von Andrea Montali (Porto Recanati) 

Bühnenbild von Elisabetta Pierangeli (Castelplanio) 

Soundgestaltung von Luca Barchiesi (Arcevia), die ein wesentlicher Beitrag zur besonderen narrativen Struktur leistet. 

Ein schönes Team, Fachleute und Künstler aus der Region Marken.  

Zehn Minuten zum Genießen wie frisch gebrühten Kaffee.  

 

Übertragung aus dem Italienischen Johann Rambeck